
Gutes, das heißt dem Pferd zuträgliches Longieren ist das Gegenteil von Zentrifugieren, wenn der Mensch wie festgewachsen in der Mitte steht und sein Pferd Runde um Runde auf dem Kreisbogen gehen lässt, womöglich noch mit dem Smartphone in der Hand und nur zur Hälfte bei der Sache. Das Pferd ist ausgebunden in einer festen Kopf-Hals-Position fixiert, möglicherweise ist der innere Ausbinder noch etwas kürzer verschnallt, um eine „Innenstellung“ zu simulieren, die keine ist.
Falsch aufgebautes Longieren ist eine Belastung für den Pferdekörper – vor allem, wenn dann noch hohe Geschwindigkeiten und enge Kreisbögen dazukommen. Geht das Pferd mit Außenstellung, durchgedrücktem Rücken und in Schräglage, wird das innere Vorderbein besonders stark belastet. Hinzu kommt, dass die Hufe nicht plan auffußen, sondern schräg. Auf der inneren Seite der Gelenke entsteht mehr Druck als auf der äußeren, die inneren Gelenke werden stärker komprimiert. Dazu wirken Rotationskräfte, die das Pferd abhängig von Tempo und Radius dazu zwingen, seine Beine beim Auffußen zu drehen. Es kann zu Verletzungen an Sehnen und Gelenken kommen. Aus medizinischer Sicht ist es deswegen sinnvoll, in kontrolliertem Tempo zu longieren – auf einem großen Kreisbogen. Das Pferd muss in der Bewegung geschult sein und wissen, wie es die Kreislinie bewältigen kann.
Ausrüstung fürs Longieren: Halfter, Trense oder Kappzaum?
Das beste Kopfstück zum Longieren ist der Kappzaum. Punkt. Deswegen, weil er eine genaue Einwirkung am Pferdekopf und damit eine präzise Kommunikation ermöglicht. Er führt die Nase des Pferdes, erleichtert Stellung und Biegung und trägt sich angenehm. Durch die Einwirkung auf den Nasenrücken und indirekt das Genick wird das Maul des Pferdes geschont. Für junge Pferde kann ein Kappzaum mit Naseneisen für mehr Stabilität sinnvoll sein, fortgeschrittenere Pferde können einen Kappzaum ohne Naseneisen tragen.
Das Longieren am Gebiss oder an der Longierbrille ist aus mehreren Gründen nicht sinnvoll. Zum Einen ist allein durch die Länge und das Gewicht der Longe eine so feine Einwirkung der Hände wie an den kürzeren Zügeln nicht möglich. Dann kommt hinzu, dass anders als die Zügel, die Longe den inneren Gebissring seitlich nach innen zieht. Das Gebiss wirkt direkt auf den Unterkiefer und der ist mit dem Kiefergelenk mit dem Kopf verbunden. Der Zug nach innen und die lange Nase des Pferdes sorgen für einen großen Hebel, es wirkt also viel Kraft auf das Gelenk – das Pferd muss dagegen spannen, um sie auszugleichen. Es wird wahrscheinlicher, dass sich das Pferd im Genick verwirft; mit Gebiss ist beim Longieren eine saubere Stellung und Biegung fast unmöglich.
Auch das Halfter ist nicht die optimale Ausrüstung fürs Longieren: Wird das Pferd schnell ans Halfter gehängt, um es zu longieren, kann es damit vielleicht etwas überschüssige Bewegungsenergie abbauen, aber ein wirklicher Dialog ist damit nicht möglich. Durch seine recht weite Passform verrutscht das Halfter schnell am Pferdekopf und das Backenstück rückt in die Nähe des Auges. Damit sind präzise Hilfen nicht wirklich möglich. Für systematisches, das heißt gesunderhaltendes Longieren ist ein Stallhalfter deswegen nicht das Mittel der Wahl.
Longieren: Mitlaufen vs. stehen bleiben
Wenn der Longeur stehen bleibt, kann das dem Pferd die Aufgabe erleichtern und die Rollen sind klarer verteilt – gerade beim Mitlaufen passiert es gern, dass das Pferd den Zirkel immer enger macht und immer näher kommt, der Mensch es durch unbewusstes Rückwärts gehen dazu einlädt oder das Pferd einen immer näher an ihm gehenden Menschen benötigt, um in Gang zu bleiben. Wer beim Longieren mitläuft, sollte diese Probleme im Blick haben. Wer aber nicht nur auf Zirkeln unterschiedlicher Größe am Platz longieren will, sondern auch gerade Strecke oder Bahnfiguren integrieren will, der muss natürlich mitlaufen – und das ist auch kein Problem. Das Pferd kann beides lernen.
Wie oft longieren?
Das Pferd jeden Tag zu longieren ist nicht die beste Idee. Denn, was der gesunde Menschenverstand schon lange vermutet hat, wird allmählich durch wissenschaftliche Studien gedeckt: Die schnelle Bewegung auf kleinen Kreisbögen stellt für den Pferdekörper eine Belastung dar. Sein Pferd jeden zweiten Tag für eine Stunde lang zu zentrifugieren, wird seine Gesundheit wahrscheinlich nicht nachhaltig fördern. Longiert werden sollte deswegen mit Sinn und Verstand, mit Abwechslung auf geraden Strecken und Kreisbögen, mit Hufschlagfiguren und Hindernissen und in Trainingsintervallen und einer Dauer, die zum Pferd passt. Das ist individuell.
Longieren und Handarbeit
An der Longe soll das Pferd gestellt und gebogen auf dem Kreisbogen laufen. Damit wird seine innere Schulter frei, die Hinterhand kann untertreten und das Pferd bewegt sich in Balance. Das ist die Voraussetzung für Muskelaufbau und dafür, dass Longieren sinnvoll ist. Der Einstieg zum Longieren kann über die Handarbeit erfolgen: Dabei wird dem Pferd im Stand am Kappzaum erklärt, wie es das Genick stellen und den Hals biegen kann. Kommen dann noch Seitengänge wie Schulterherein und Kruppeherein hinzu, hat das Pferd nicht nur bereits ein gutes Gefühl für seinen Körper, sondern ist bereits in den Hilfen soweit geschult, dass es das gesunde Bewegen an der Longe schnell lernen und umsetzen können wird.
Vorwärts-Abwärts longieren – oder mit Aufrichtung?
Longieren bedeutet nicht, dass das Pferd per se in flottem Tempo vorwärts-abwärts Runde um Runde in gleichmäßigem Tempo um den Menschen herum läuft. Gerade, wenn das Pferd Handarbeit kennt und in den Seitengängen geschult ist, kann ein Bewegungsdialog entstehen. Der Mensch kann die Seitengänge dann auch an der Longe mit etwas Abstand abfragen und vor allem die Kopf-Hals-Haltung des Pferdes variieren; mal mehr Aufrichtung und Versammlung fordern und das Pferd dann wieder in die Dehnung entlassen.
Wie longieren?
Weiter oben hast du gelesen, dass es nicht förderlich ist, dein Pferd zu zentrifugieren. Wie sieht also stattdessen gutes Longieren aus? Die Mischung macht’s: Kombiniere Kreisbögen unterschiedlicher Größe mit passendem Tempo, wechsle ab zu geraden Strecken, wo du mitlaufen musst. Integriere einen Slalom um Hütchen, lass dein Pferd ein paar Trabstangen gehen oder im Galopp über eine Reihe Cavalleti. Du hast viele Möglichkeiten und kannst für dich und dein Pferd das perfekte Longenprogramm zusammenstellen. Immer mit Sinn und Verstand und dem rechten Maß, um dein Pferd zu fördern, fit zu machen mit Gymnastik an der Longe, so dass es eben keinen körperlichen Schaden nimmt.