
Beim Einreiten von Jungpferden, beim Aufwärmen zu Beginn des Trainings und beim Cool-Down am Ende wird in deutschen Reithallen und Reitplätzen leichtgetrabt: Der Reiter steht im Rhythmus der Bewegung auf und sitzt wieder ein, das Pferd dehnt sich vorwärts-abwärts an den Zügel.
Das Leichttraben soll den Pferderücken entlasten, das Durchschwingen für das Pferd erleichtern und das innere Hinterbein aktivieren, damit es mehr vorgreift und Last aufnimmt. Wenn auf dem richtigen Fuß leichtgetrabt wird – also dann, wenn das äußere Vorderbein vorschwingt, weil im Zweitakt Trab gleichzeitig das innere Hinterbein nach vorn kommt –, wird die Vorschwingphase des inneren Hinterbeins durch das Aufstehen des Reiters entlastet; das Einsitzen erfolgt in der Stützbeinphase.
Nun gibt es schon seit Längerem Stimmen, die dem Leichttraben eine positive Wirkung absprechen und das Aussitzen empfehlen. Wer hat recht? Wie im echten Leben gibt es hier keine eindeutige Antwort: Es kommt darauf an – auf das Pferd, den Reiter, den Boden und die reiterlichen Ziele und Aufgaben.
Leichttraben ja oder nein? Das sagt die Wissenschaft
In den vergangenen Jahren haben sich einige Studien mit den Vor- und Nachteilen des Leichttrabens beschäftigt, allerdings in der Regel mit einer geringen Anzahl an Pferden, so dass die Aussagekraft begrenzt ist. Pferde wurden an verschiedenen Körperstellen wie Rücken, Hals und Hufen mit Markierungen versehen und in der Bewegung mit Infrarotkameras gefilmt. Man erfasste und verglich verschiedene Bewegungsabläufe – mit Reiter und ohne Reiter im Leichttraben und Aussitzen.
Eine Studie aus den Niederlanden hat ergeben, dass Leichttraben nicht per se weniger belastend für den Pferderücken ist. Es zeigte sich, dass die Pferde Kopf und Hals hierbei etwas tiefer trugen und lateral stärker gebogen waren.
Eine Studie aus den Niederlanden und Schweden kam zu dem Ergebnis, dass während des Einsitzens des Reiters stärkere Kräfte auf die diagonal fußenden Hufe wirken. Die Hinterbeine hatten weniger Vorgriff und die Rückführung der Vorderbeine war verstärkt. Die Forscher schlussfolgerten, dass Leichttraben eine ungleichmäßige zweiphasige Belastung darstellt, die sich auf den gesamten Körper auswirkt.
Eine Studie aus Schweden und den Niederlanden (2018) zeigte, dass sich Leichttraben auf die Bewegungssymmetrie auswirkt – das Becken des Pferdes hebt sich weniger.
Eine Studie aus Österreich (2009) kam zu dem Schluss, dass sich während des Einsitzens die Rückenbewegung verringert. Und eine weitere Studie aus Schweden (2010) kam zum Ergebnis, dass Leichttraben mehr Druck auf den vorderen Teil des Sattels macht.
An sich sind die Ergebnisse leicht nachzuvollziehen, schließlich verschwindet beim Leichttraben das
Reitergewicht nicht einfach, sondern verlagert sich – vom Sattel auf die Steigbügel und das Sattelblatt, wo die Oberschenkel anliegen. Damit ändert sich der Schwerpunkt des Reiters – das Aufstehen kann die Vorhand stärker belasten, allein, weil dies der Bewegungsrichtung entspricht. Der Rücken des Pferdes wird beim Aufstehen entlastet und beim Einsitzen wieder belastet.
Beim Aussitzen bleibt die Belastung insgesamt konstanter, da der Sitz konstant Kontakt zum Pferd hat. Da der Sitz als primäre Hilfe dient, wird beim Aussitzen die Kommunikation nicht abgebrochen, die Hilfen können jederzeit präzise gegeben werden. Aussitzen kann also eine bessere Verbindung zum Pferd herstellen als Leichttraben.
Leichttraben oder aussitzen: Ein Blick in die Geschichte der Reiterei
Das Leichttraben mit Blick auf die Geschichte der Reiterei tatsächlich eine jüngere Erscheinung. Zur Hochzeit der Reitkunst, im Barock, wurde nur ausgesessen, die Reiterei war Selbstzweck und Kunstform. In späteren Jahrhunderten entwickelten sich neue Formen der Reiterei: Für Jagden auf schnellen Vollblütern wurde in England das englische Traben eingeführt, das Äquivalent des heutigen Leichttrabens.
Die alte Reitliteratur empfiehlt dieses nur, wenn Pferd und Reiter längere Strecken zurücklegen müssen. Auch in die Militärreiterei fand das englische Traben Eingang – aus den gleichen Gründen. Die Heeresdienstverordnung HDV 12 nahm es auf; sie bildet die Grundlage der heutigen Richtlinien der FN für das Reiten und Fahren. Entsprechend verbreitet ist das Leichttraben heute in der englischen Dressur.
Das Problem mit dem Leichttraben
Leichttraben ist alles andere als leicht und muss gelernt werden. Der zentrale Reiterfehler liegt darin, sich nicht im Rhythmus des Pferdes zu bewegen und hinter die Bewegung zu kommen. Das passiert, wenn der Reiter sich beim Aufstehen in die Bügel stellt oder sich sogar mit den Sprunggelenken abdrückt. Das führt unweigerlich dazu, dass er zu lange und zu weit aufsteht. Auch die Knie durchzudrücken und die Hüfte zu stark nach vorn zu schieben sind gängige Fehler mit dem gleichen Ergebnis. Ein Reiter, der zu stark aufgestanden ist, fällt schwer in den Sattel zurück und muss sich mehr anstrengen, um wieder aufzustehen, weil er zu spät dran ist und das Pferd ihn nicht mehr mitnimmt. So entsteht ein Teufelskreis.
Dieses falsche Leichttraben kann das Pferd aus dem Takt bringen. Gerade jungen Pferden kostet schlechtes Leichttraben schnell die Balance. Richtig ist: Leichttraben ist kein aktives Aufstehen. Der Reiter lässt sich vielmehr von der Bewegung des Pferdes mitnehmen und sitzt danach leicht wieder in den Sattel ein.
Wann ist Leichttraben sinnvoll?
Trotz der möglichen Fehlerquellen gibt es gute Gründe, leichtzutraben:
- (Jung-)Pferde mit viel Schwung, hohem Grundtempo oder Steifheit im Körper kann es helfen, wenn zunächst leichtgetrabt wird.
- Ein gutes Vorwärts kann Leichttraben ebenfalls unterstützen.
- Das innere Hinterbein kann aktiviert werden. Leichttraben auf dem „falschen Fuß“ kann das äußere Hinterbein ansprechen.
- Leichttraben kann dabei unterstützen, Pferde zu lösen.
- Leichttraben kann einen klaren Takt vorgeben bzw. den Takt verändern.
- Im Gelände, wenn Reiter und Pferd Strecke machen, ist es bequemer für beide.
- Reiter, die noch nicht aussitzen können, können ebenfalls das Leichttraben probieren.